Norddeutsche Allgemeine Zeitung

Berlin, 17. August

Die "Norddeutsche Allgemeine Zeitung" schreibt:

Nach der Einnahme von Lüttich hat die deutsche Regierung durch Vermittlung einer neutralen Macht in Brüssel mitteilen lassen:
Die Festung Lüttich ist nach tapferer Gegenwehr im Sturm genommen worden. Die deutsche Regierung bedauert es auf das tiefste, dass es infolge der Stellungnahme der belgischen Regierung gegen Deutschland zu blutigen Zusammenstößen gekommen ist. Deutschland kommt nicht als Feind nach Belgien. Nur unter dem Zwang der Verhältnisse hat es angesichts der militärischen Maßnahmen Frankreichs den schweren Entschluss fassen müssen, in Belgien einzurücken und Lüttich als Stützpunkt für seine weiteren militärischen Operationen besetzen zu müssen. Nachdem die belgische Armee in heldenmütigem Widerstand gegen die große Überlegenheit ihre Waffenehre auf das glänzendste gewahrt hat, bittet die deutsche Regierung Seine Majestät den König und die belgische Regierung, Belgien die weiteren Schrecken des Krieges zu ersparen. Die deutsche Regierung ist zu jedem Abkommen mit Belgien bereit, das sich irgendwie mit Rücksicht auf ihre Auseinandersetzung mit Frankreich vereinigen lässt. Deutschland versichert nochmals feierlich, dass es nicht von der Absicht geleitet gewesen ist, sich belgisches Gebiet anzueignen und dass ihm dies durchaus fern liegt. Deutschland ist noch immer bereit, das belgische Königreich unverzüglich zu räumen, sobald die Kriegslage es ihm gestattet.
 

Frankfurter Zeitung

19. August

Die "Frankfurter Zeitung" veröffentlichte am 19. August diesen Artikel:
Wir sind schon über eine Woche im Krieg. Die Frage ist daher berechtigt: Was haben eigentlich die Gegner bis jetzt bei uns erreicht? Wir können mit Stolz darauf antworten: Nichts. Bei Beginn der Mobilmachung war ein ganzes Netz von Spionen über Deutschland verbreitet, um durch Zerstörung wichtiger Brücken und anderer Punkte die Mobilisierung zu stören, aber an der glänzenden Wachsamkeit unserer Posten scheiterten alle Anschläge und manchem dieser üblen Teilnehmer des großartig angelegten Zerstörungsplanes wurde das Reisegeld ins Jenseits mit einer Kugel ausgezahlt.

Der Ausmarsch und die ganze Mobilisierung rollt wie ein Uhrwerk ab, genau nach dem vorher aufgestellten Plan, ohne jede Stockung, ohne jede Verzögerung. An der Ostgrenze hatte Russland schon großenteils in der Friedenszeit, nach genauer Verabredung mit Paris, seine Reiterdivisionen zusammengezogen, damit sie beim Ausbruch des lang ersehnten Krieges sengend und verwüstend in die deutschen Gebiete einfielen. Nun sind alle Hoffnungen, die die verbündeten Gegner auf die Kosakenscharen setzten, an unserem Grenzschutz zunichte geworden. Wir haben nicht einmal unsere selbständigen Kavalleriedivisionen einsetzen müssen; es genügte die Wachsamkeit und Tapferkeit unserer ostpreußischen Linieninfanterie und Landwehrmannschaften, um uns jene unkultivierten Gäste vom Halse zu halten. Wie verhältnismäßig gering sind die Verluste, die unsere tapferen Truppen bei Erfüllung ihrer schweren Aufgabe erlitten haben. Dass es im Kriege nun einmal nicht ohne Verluste abgeht, ist eine traurige, aber unabwendbare Tatsache, doch im Vergleich zu dem Erreichten, im Vergleich dazu, dass es bis jetzt verhindert werden konnte, dass unsere blühenden Dörfer und Städte an der Grenze in Flammen aufgingen, ist die Zahl der Toten und Verwundeten, über die die jetzt ausgegebene Verlustliste berichtet, nicht hoch. Denn dass die Kämpfe hart gewesen sind, beweisen die großen Verluste, die den russischen Eindringlingen von unseren Truppen beigebracht worden sind. Eine ganze russische Kavalleriebrigade wurde vernichtet, acht Geschütze sind in unsere Hände gefallen und eine große Anzahl der gefürchteten Kosaken sind zu Gefangenen gemacht worden. Die verhältnismäßig geringen Verluste auf deutscher Seite sind ein Beweis dafür, wie sparsam unsere Führung mit dem Blute der ihr anvertrauten Truppen umgeht. Man kann nun die feste Zuversicht haben, dass nur die Opfer an Menschenleben gebracht werden, die zur Erreichung des hohen Zieles unbedingt notwendig sind.

Ein Zeugnis größter Tapferkeit und kühnen Wagemutes ist die Eroberung von Lüttich, auf dessen Besitz unsere Heeresleitung den größten Wert legen musste. Eine von den Gegnern als uneinnehmbar bezeichnete moderne Festung wurde ohne jede Belagerung im Sturme genommen. Das hätten die Belgier wohl nicht erwartet, als sie sich an die Seite Frankreichs stellten und die französischen Truppen zum Einmarsch einluden. Der Sturm auf Lüttich wird natürlich Opfer gekostet haben, aber wie viel höher wären diese geworden durch eine langwierige Belagerung, bei der sich der schlimmste Feind einer Feldarmee, Krankheit, einzustellen pflegt. Diese Eroberung von Lüttich hat aber auch bewiesen, dass wir uns auf die Mitteilungen unserer Heeresleitung unbedingt verlassen können. Als der erste Handstreich nicht glückte, ist es offen zugegeben worden, ohne jede Beschönigung. Diese Offenheit und Ehrlichkeit wird auch in Zukunft von dem Großen Generalstab geübt werden. Deshalb ist es auch eine patriotische Pflicht, dass unsere Bevölkerung allen alarmierenden Gerüchten entschieden entgegentritt. Solche Gerüchte werden von den Agenten unsrer Gegner ausgestreut, um zu verwirren und um unserem Volke die Besonnenheit und das Vertrauen zu unserer militärischen Führung zu rauben. Diese Irreführung muss mit der größten Bestimmtheit zurückgewiesen werden, und es muss sich in allen Schichten durchsetzen, dass man nur das als wahr hinnimmt, was von amtlicher militärischer Seite uns mitgeteilt wird. Dazu muss natürlich jeder ein Opfer an Geduld bringen. Solange der Aufmarsch nicht vollendet ist, kann ohne Schaden für unsere Armee über Einzelheiten nicht berichtet werden; wenn erst entscheidende Schlachten geschlagen sind und die Karten offen liegen, dann werden die Nachrichten reichlicher fließen. Also bis dahin Geduld.
Diese können wir umso eher üben, als jeder schon nach den vortrefflichen Gang unserer Mobilmachung und der Zuversicht, die in unseren Truppen gegenüber ihrer Führung herrscht, die Gewissheit haben kann: Es geht alles gut.
 

Kölnische Zeitung

Köln, 19. August

Angesichts der fortdauernden Lügen der ausländischen Presse stellt die "Kölnische Zeitung" fest, dass der Kommandant der Festung Lüttich, General Léman, heute im Automobil als Gefangener in Köln eingetroffen ist.
 

Nieuwe Rotterdamsche Courant

Haag, 25. August

Der Kriegskorrespondent des holländischen "Nieuwe Rotterdamsche Courant" schreibt voll Bewunderung über die deutschen strategischen Maßnahmen bei Lüttich. Die schweren Geschütze seien in Teile zerlegt nach Lüttich gebracht worden. Hierbei hätten die Deutschen nichts dem Zufall überlassen und auch keineswegs sich auf das Vorhandensein von Schienen verlassen, obwohl solche aller Wahrscheinlichkeit nach in dem Industriegebiet vorhanden sein mussten. Die deutschen Truppen hätten deshalb Schienen mitgeführt, die u. a. längs der Avenue Rogier gelegt worden seien, worauf man die ungeheuer schweren Geschütze fortbewegt habe. Von dort aus (also aus der Stadt) habe man dann aus einer Entfernung von sechs bis siebentausend Meter die Forts in aller Bequemlichkeit zusammengeschossen, ohne dass Opfer an Zeit oder Soldaten gemacht werden mussten. Die Forts hätten nicht einmal antworten können, da ihr Feuer sonst die eigene Stadt zerstört hätte.
Der Korrespondent der "Daily News", der im Auto von der belgisch-französischen Grenze nach Ostende fuhr, um nicht von deutschen Truppen abgeschnitten zu werden, gibt eine lebendige Schilderung von der Panik der Bevölkerung. Er sagt, die deutschen Truppen rückten unglaublich rasch vor. In flämischen Dörfern härte ihm die Bevölkerung entgegen geschrieen: "Warum haben uns die Engländer verraten? Warum hat man uns ganz ohne Nachricht gelassen, so dass wir jetzt hilflos sind?" Der Bericht schließt: Ein paar Stunden später wälzte sich schon die deutsche Flut so rasch daher, dass wir beinahe auf unserem Weg zur Küste abgeschnitten worden wären. Keine Provinz war uns mehr gelassen, wohin wir uns hätten wenden können.