Belagerungsgeschütze der Firma Krupp, Essen

Die drei nahtlosen Eisenbahnreifen von Krupp
Die Familie Krupp, eine prominente 400 Jahre alte deutsche Wirtschaftsdynastie in Essen, wurde weltberühmt wegen ihrer überragender Stahlproduktion und Waffenentwicklung.











 

Friedrich Krupp 1787-1826 Copyright ThyssenKrupp AG
Im Jahre 1811 startete Gründungsvater Friedrich Krupp (1787 – 1826) seinen Metallbetrieb in Essen. Sein Sohn, Alfred (1812 – 1887) als „Kanonenkönig“ oder „Alfred der Große“ berühmt geworden, investierte große Summen in neue Technologie und Produktionsmethoden und wurde einer der größten Hersteller von Eisenbahnmaterial und Lokomotiven. Der endgültige Durchbruch gelingt Alfred Krupp mit der Erfindung des nahtlosen Radreifens.
 

Waffenbau als Hobby

Krupp Werke in Essen, 1864
Die Herstellung von Waffen beginnt als Hobby: Nach einer siebenjährigen Versuchszeit schmiedet Krupp 1843 in Handarbeit seinen ersten Gewehrlauf. Erste Versuche, Schusswaffen aus Stahl zu verkaufen, scheitern kläglich, da die Militärs lieber auf solide Bronze vertrauen. In ihren Augen ist Stahl zu eng mit Eisen verwandt, das zu spröde und deshalb für den Zweck der Geschützherstellung nicht verwendbar ist.
 

Krupp Geschützproduktion um 1914
1847 wird die erste Kruppsche Gussstahlkanone hergestellt und dem preußischen Kriegsministerium zur Ansicht gegeben. Diese wird direkt ins Arsenal gegeben und erst nach zwei Jahren getestet. Die Resultate sind zwar hervorragend, das Ministerium sieht aber dennoch keinen Grund, solche Kanonen zu bestellen.
 

Alfred Krupp
Um 1857 entwickelt Alfred eine eigene Version einer Hinterlader-Kanone. Als er sie dem preußischen Militär 1858 zum Kauf anbietet, wird sie jedoch abgelehnt, da man berechtigte Zweifel an der Funktionstüchtigkeit der Waffe hat, die im Zusammenhang mit der Unzuverlässigkeit der Verschlüsse stehen. Alfred Krupp verfolgt jedoch auch weiterhin sein Ziel, sich als Waffenproduzent zu etablieren, und im April 1860 verkauft er die ersten Stahlkanonen: Preußen ordert 312 Sechspfünder- Vorderlader.
 

Dampfhammer Fritz
Sehr schnell werden nun die Umsätze aus Waffenverkäufen gesteigert. Krupp liefert Kanonen an alle europäischen Großmächte mit Ausnahme Frankreichs. Damit verbunden ist ein weiteres Wachstum des Unternehmens, das durch die Einführung innovativer Produktionstechniken unterstützt wird. 1861 entwickelt Krupp den mehrere Tonnen schweren Schmiede-Dampfhammer "Fritz", und die Massenproduktion von Stahl wird durch neuartige Methoden möglich gemacht: Sowohl das Bessemer-Verfahren, welches er aus England einkauft, als auch das Siemens-Martin-Verfahren werden von Krupp als erstem Unternehmen in Deutschland eingesetzt.
 

Krupp Kanonen entscheiden den Krieg

Krupp-Stahlguss-Kanone
Nicht zuletzt wegen der Überlegenheit der Kruppschen Stahlgeschütze gegenüber den dänischen Bronzekanonen gewinnt Preußen 1864 den Deutsch-Dänischen Krieg. Im Jahre 1866 stehen sich im Deutschen Krieg das erste Mal Heere gegenüber, die beide von Krupp ausgerüstet wurden. Ein Jahr später wird die Hinterlader-Kanone durch die Entwicklung des Rundkeil-Verschlusses durch Krupp perfektioniert. Der Deutsch-Französische Krieg wird durch Moltkes logistisches Genie und vor allem die doppelte Reichweite der preußischen Stahlkanonen im Vergleich zu den französischen Bronzekanonen entschieden.
 

Als Alfred Krupp im Jahre 1887 starb, stehen auf seiner Lohnliste in Essen 20.200 Mann. Um seine Kruppianer, wie sie später genannt werden, kümmert er sich zeit seines Lebens: Er führt eine Krankenversicherung ein, lässt Werkswohnungen bauen und richtet für diejenigen, die zeitlebens bei Krupp gearbeitet haben eine Rente ein.. Im Gegenzug verlangt er Loyalität und Identifikation mit der Firma.
 

Dicke Bertha

Deutsches 100 t Belagerungsgeschütz wie es bei der Belagerung von Lüttich verwendet wurde
Krupps wohl bekanntestes Geschütz des 1. Weltkrieges war die Dicke Bertha. Dieser 420 mm Mörser wurde bereits 1904 von Krupps Artillery Chef Designer Professor Dr. Fritz Rausenberger (später mit dem Eisernen Kreuz 1. Klasse und dem Philosophischen Ehrendoktor ausgezeichnet) entwickelt, jedoch erst Anfang 1914 fertig gestellt. Sie wurde auf Grund einer Anregung Schlieffens auf der Basis von Marinegeschützen konstruiert, um existierende Technologie zu nutzen. Daher wurde sie auch als Kurze Marine-Kanone 14 L/16 bekannt.
 

Dicke Bertha auf dem Marsch
Von diesem Belagerungsgeschütz wurden zwei Varianten gebaut, von denen 1914 folgende vorhanden waren: das schienengebundene Gamma-Gerät (Kurze Marine-Kanone 14 L/16), mit 5 Exemplaren als Bettungsgeschütz und das M-Gerät (Kurzform für Minengerät) mit 2 Geschützen. Das M-Gerät wog schießbereit 42,6 t und wurde in 4 Teillasten gefahren, wobei motorisierte Zugmaschinen verwendet wurden. Das Gamma-Gerät mit einer Masse von 150 t wurde auf 10 Eisenbahnwagen befördert. Vom Gamma-Gerät wurden bis Kriegsende insgesamt 10 und vom M-Gerät insgesamt 12 Exemplare hergestellt.
 

Belagerungshaubitze
Die Mörser verschossen unterschiedliche Munitionsarten: Das M-Gerät verschoss eine schwere Granate von 810 kg bis auf 9300 m, mit der 1917 eingeführten leichten Granate von 400 kg hatte es eine Reichweite von 12.250 m. Das Gamma-Gerät verschoss eine leichte Granate von 800 kg auf 14.100 m, eine schwere Granate von 1160 kg auf 12.500 m und eine sog. neue Granate von 1003 kg auf 14.200 m. Ihren Namen erhielt das Geschütz nach Gustav Krupps Frau.
 

Das Paris Geschütz

Paris Geschütz
Eine sogar noch größere Kanone war das Paris Geschütz, oder auch Kaiser-Wilhelm-Geschütz genannt. Es basierte auf dem 38 cm Eisenbahngeschütz „Langer Max“ und wurde so genannt, weil es ab März 1918 aus extremer Entfernung Paris beschießen konnte. Dieses Monstrum, von vielen als Vorläufer der V 3 betrachtet, war dazu in der Lage Granaten in die Stratosphäre zu schießen, die in Zielen landeten, die 131 km von ihrer Feuerstelle entfernt waren.
 

Paris Geschütz
Entwickelt und von der Deutschen Kriegsmarine in Dienst gestellt wurden sieben dieser Kanonen von Krupp gebaut. Die Kanone hatte eine Rohrlänge von 37 m (L/176) und verschoss Granaten von knapp 120 kg Masse mit einer Mündungsgeschwindigkeit von 2000 m/s. Das Rohr war aus einem 17 m langen Rohr mit 38 cm Innendurchmesser gefertigt, in das ein 30 m langes 21-cm-Rohr eingesetzt wurde. Schließlich wurde noch ein 6 m langes glattes Rohr (die sog. Tüte) angefügt. Die Konstruktion wurde durch ein Spannwerk gegen Durchhängen geschützt. Dieses Geschützrohr wurde als "Wilhelm-Rohr" bezeichnet. Die Kanone hatte eine Gesamtmasse von rund 140 Tonnen und wurde mit der Eisenbahn an den Einsatzort transportiert und dort mit Hilfe eines Kranes auf eine Drehscheibenbettung abgesetzt.
 

Paris Geschütz
Der Verschleiß durch die 120 kg schweren Granate und der 180 kg schweren Treibladung war so groß, dass sich die Bohrung des Rohres was jedoch mittels auswechselbarer Führungsringe an den Geschossen ausgeglichen werden konnte.
 

Paris Geschütz wird aufgebaut
Als das Paris Geschütz am 21. März morgens um 07.18 das Feuer eröffnete, wurde in Paris der gewünschte psychologische Effekt zunächst erzielt, der aber nach kurzer Zeit verpuffte. Einmal abgeschossen, brauchte das Geschoß 170 Sekunden, um Paris zu erreichen, wobei es eine Gipfelhöhe von 40 km erzielte. Im Sommer 1917 wurde das erste fertig gestellte Paris-Geschütz auf dem Artillerieerprobungsgelände bei Meppen erfolgreich getestet. Bei einem weiteren Versuchsschiessen auf dem Marine Schiessplatz Altenwalde wurde am 30. Januar 1918 erstmals eine Schussweite von 126 km. erreicht. Anschließend wurde das Geschütz mit Hilfe des Marine Regiments und 50 Krupp Technikern per Eisenbahntransport nach Crépy-en-Laonnois, 124 km von Paris entfernt, transportiert.
 

Professor Dr. Fritz Rausenberger
In dieser getarnten Stellung versammelte der Chef des Marine Artillerie Zeugamtes, Vize Admiral Rogge, seine Geschütz Crew, unter denen sich unter anderem Professor Dr. Fritz Rausenberger, einen der Konstrukteure, Marineoffiziere, Ingenieure, Artillerie Experten , Munitionsträger, Ärzte und Korpsleute befanden. Alles in allem belief sich die Bedienungsmannschaft auf 50 Mann.
 

Spione als Artilleriebeobachter

Absolut notwendig für den Einsatz der Kanonen waren Artilleriebeobachter. Es war notwendig, jedes Ziel einzuweisen, zu sehen wo der vorherige Schuss landete, um den nächsten mit der nötigen Korrektur zu versehen. Der Plan war, einen Spion in Paris als Beobachter einzusetzen, der per Telegram über den Umweg Schweiz die Daten übermitteln sollte. Laut Plan würde es vier Stunden dauern bis man wusste, wo der jeweilige Schuss eingeschlagen hätte.
 

Paris Geschütz im Bau bei Krupp
Die Paris Kanone konnte 65 Schuss abfeuern, bis das Rohr das Ende seiner „Leidenszeit“ erreicht hatte. Daher war jedes Projektil auf eine spezielle Größe abgestimmt, um den Verlust an Bohrung und Verschleiß zu kompensieren. Darüber hinaus waren die Granaten seriell nummeriert, um sicherzustellen, dass das richtige Geschoß zur richtigen Zeit sich im Rohr befand da das Kaliber sich nach jedem Schuss vergrößerte. Die Granaten hatten auch keine Führungsringe, da es in der Hitze und bei dem ungeheuren Druck schmelzen würde. Daher waren die Riffel, die sich den Zügen anpaßten, auf die gigantischen Granathülsen reproduziert. Das Kaliber variierte daher von 21 cm bis 23,5 cm, die Länge von 95 cm auf 111 cm. Jede Granate wog ungefähr 100 kg und kostete 35.000 Reichsmark. Blindgänger gab es nicht und die Zünder funktionierten immer.
 

Paris Geschütz feuert
Die Kanoniere mussten sich ebenfalls auf ihre neue Aufgabe vorbereiten. Die alten Entfernungsmesser waren obsolet geworden, da die Geschossbahnen durch die obere Atmosphäre berechnet werden mussten. Wegen eines Rechenfehlers bezüglich der Höhe, die das Geschoss erreichen musste, landete eine Granate im Garten eines Priesters; elf Kilometer entfernt vom eigentlichen Ziel. Es war notwendig, die geringere Atmosphärendichte, die Erdumdrehung und die Erdkrümmung mit in die mathematischen Berechnungen einfließen zu lassen. Der ideale Winkel war nicht 45 Grad, sondern 52 Grad. Bei einer Erdferne von 40 km konnte das Geschoss eine Entfernung von 124 km in dreieinhalb Minuten zurücklegen.
 

Pro Schuss drei Zentner Pulver

Nach jedem Schuss musste die Achse des Geschützrohres neu vermessen werden und mit Block und Flaschenzug neu eingerichtet werden, sowie mit einem Zielfernrohreinrichter mathematisch genau ausgerichtet werden. Pulver wurde bei exakt 15 Grad Temperatur gelagert; dafür war der Offiziergeschützführer verantwortlich. Drei Zentner Pulver, die wie Spaghettibündel in entflammbaren Seidensäcken gepackt waren, produzierten 5.000 Atmosphären Druck, eine Mündungsgeschwindigkeit von 1.800 m pro Sekunde, also fast 2.000 m pro Sekunde, die zweimal so schnell wie eine Gewehrkugel einer Hochleistungsbüchse war.
 

Paris Geschütz in Feuerstellung
Jeder Schuss wurde von Vize-Admiral Rogge telefonisch von Crepy ins Generalhauptquartier gemeldet. Ein reicher Deutsche, der seit zwanzig Jahren in Paris lebte, Baptiste Martin, meldete jeden Treffer über einen Code per Telefon an eine Dame an der schweizer Grenze. Diese schickte einen Bauern mit seinem Karren in die Schweiz, von wo die Nachricht nach Basel telefoniert und von dort nach Berlin telegraphiert wurde. Manchmal dauerte es nur eine halbe Stunde. Solch eine Meldung lautete wie diese: „23. März, 07.20, Quay de la Seine No 6, 2 dead, 9 wounded, taxi wrecked“. Zunächst glaubten die Franzosen, dass der Angriff von einem hochfliegenden Flugzeug ausgeführt worden wäre. Kavallerie durchsuchte die Wälder um Paris. Um herauszufinden, was da vor sich ging, schickten die Franzosen Agenten hinter die deutschen Linien. Man begann mit der Evakuierung der Bevölkerung, da man eine Besetzung der Stadt fürchtet.
 

Krupp Eisenbahngeschütz
Man nannte dieses Arrangement von Beobachter und Agenten an der schweizer Grenze mit Koordinatoren in Basel, Bern, Zürich, Neufchatel und Berlin "the chef d'oeuvre of secret service work", ein Meisterwerk der Geheimdienstarbeit. Ein deutscher Spion im französischen Hauptquartier meldete, dass alles perfekt liefe, die Tarnung vorzüglich sei. Und die war tatsächlich exzellent. Das Geschütz, die Munitionsbunker, Kräne, Schienen und Menschen waren unter Tarnnetzen verborgen. Die Franzosen setzten Aufklärer und Lauschgeräte, sowie Blitz Spotter ein, um das Geschütz zu finden. Aber die Deutschen hatten das vorausgeahnt und rund um die eigentliche Geschützstellung neunzig kleinere Kanonen aufgestellt, die simultan feuerten, um die Aufklärer zu täuschen.
 

Volltreffer auf Kirche

Treffer des Paris Geschützes
Am Karfreitagsgottesdienst gab es einen Volltreffer auf die St. Gervais Kirche, die 91 Menschen tötete und 100 verletzte. Man vereinbarte eine Unterbrechung der Beschießung für die Beerdigung am Ostersonntag. Am Ostermontag um 21.01 wurde weiter geschossen.
 

Karte von Paris mit Treffermarkierungen des Parisgeschützes
Am 9. August wurde zum letzten Mal das Paris Geschütz abgefeuert. Der 19. Schuss aus dem vierten und letzten Geschützrohr. Bereits am 25. März schmolz das Bodenstück eines der Geschütze, wobei siebzehn Artilleristen starben. Alle 320 Geschosse, die abgefeuert wurden, trafen Paris. 180 im Zentrum, 140 in den Außenbezirken. Der Schaden war unkalkulierbar. 256 Menschen fanden den Tod, 620 wurden verwundet.
 

Krupp Werk
Zuhause in Deutschland war der Einsatz des Paris Geschütz ein propagandistisch erfolgreicher Einsatz. Nach dem großen Rückzug im Herbst 1918 suchten die Alliierten vergeblich nach dem Geschütz und taten dies mit Nachdruck auch nach dem Waffenstillstand. Man fand nicht ein einziges Exemplar; nur die Amerikaner fanden eine Reservebettung. Auch die Konstruktionspläne der Paris-Geschütze wurden von den Deutschen vernichtet, so dass sich heute nicht mehr nachvollziehen lässt, wie die damaligen Ingenieure eine derartige Kanone bauen konnten.