Einübung soldatischen Gehorsams im Staatsbild

Das Sedan Panorama
"Zunächst ist der Besucher wie festgebannt, er ist überrascht und unwillkürlich hält er sich zurück. Man fürchtet, unter die Pferde zu kommen und fühlt das Bedürfnis, sich rückwärts zu concentrieren. Die Luft erscheint wie von aufwirbelndem Staube und Dampf erfüllt. Trompeten schmettern, Trommelwirbel, Paukenschläge dröhnen. In überwältigendem Ansturm braust Cavallerie heran. Welche Reitermassen, und es sind Franzosen! Das der erste Eindruck!"
 

In den Worten eines Erlebnisberichtes reflektierte der Korrespondent der Neuen Preußischen Zeitung auf der Titelseite seine Eindrücke, die sich ihm im Panorama der Schlacht von Sedan am Eröffnungstag 1883 aufdrängten.
 

Wie ein roter Faden, der konjunkturbedingt breiter und fester ausgeprägt ist, durchzieht das Schlachtengenre die Geschichte der Panorama-Kunst. Bereits 1795 widmete Robert Barker mit Lord Howe's Victory and The Glorious First of June ein Panorama einer aktuellen, erst ein Jahr zurückliegenden Seeschlacht aus dem englisch-französischen Krieg. Diese Thematik erfreute sich beim Publikum hoher Beliebtheit: So avanciert Barkers Panorama der Schlacht bei Waterloo von 1815 zu seinem erfolgreichsten Rundbild überhaupt. Besonders im Zusammenhang mit den Kriegen Napoleons entstanden viele Darstellungen von Schlachten.
 

Anton von Werner Selbstbildnis
Einen vorläufigen Kulminationspunkt öffentlichen Interesses bescherte dem Schlachtenpanorama der Krieg zwischen dem Deutschen Reich und Frankreich von 1870/71. Eine Reihe von Panoramisten, neben Charles Castellani, Felix Philippoteaux und Poilpot insbesondere Edouard Detaille und Alphonse Neuville gelangten zu internationalem Ruhm. Ab 1880 dann übernahm Deutschland in Panoramapräsentation und -produktion international die Führung. Deutsche Maler arbeiteten im großen Stil für den Export, insbesondere nach Amerika. Für kein Panorama jedoch wurde aus der Perspektive staatsoffizieller, politisch-propagandistischer wie kommerzieller Interessen höherer Aufwand getrieben, als für das 1883 eröffnete Panorama der Schlacht von Sedan von Anton von Werner.
 

In Deutschland fand diese "schwarze Seite" des Panoramas ihren Zenit erst nach dem Krieg 1870/71 gegen Frankreich. Das in Berlin seit 1883 von Millionen Besuchern erlebte Sedanpanorama repräsentierte schließlich die Summe des illusionstechnischen Könnens, begründet auf das wahrnehmungsphysiologische Wissen seiner Zeit, wie es von Hermann von Helmholtz formuliert worden war.
 

Die Eröffnung am Sedantag, dem 1. September 1883, stellte ein politisches und mediales Ereignis ersten Ranges dar. Im ganzen Reich fanden Festzüge, patriotische Chorkonzerte, Schulfeiern und Feste der Bürger- und Kameradschaftsvereinigungen statt. Geschäfte gewährten ihren Angestellten einen freien Tag. Die flaggendekorierten Hauptstraßen, waren mit Ausflüglern gefüllt. Und der Höhepunkt dieses wichtigsten Feiertages im Jahr war die Eröffnung des Sedanpanoramas. Anton von Werner, der am eigentlichen Panorama keinen Pinselstrich ausgeführt hatte, jedoch in Konzeption, Organisation und in der öffentlichen Repräsentation für das Panorama verantwortlich zeichnete, konnte zur Eröffnung nahezu die gesamte Reichselite Willkommen heißen: Neben Kaiser Wilhelm I., Moltke und der Generalität waren auch viele politische und wirtschaftliche Entscheidungsträger anwesend. Durch die breite Berichterstattung der Presse nahm die Öffentlichkeit in ungewöhnlich starkem Maße an der Eröffnung des monumentalen Kunstwerks Anteil, das unter dem Namen Werners gezeigt wurde. Allenfalls Bracht durfte seine Landschaft noch erläutern. Die anderen 13 Maler, Akademieschüler vor allem, fanden weder bei der Eröffnung noch in der Presse Erwähnung. Das Medieninteresse war von einem Umfang, wie es Kunstwerken nur sehr selten widerfährt und die allenfalls mit dem Niveau verglichen werden kann, wie es jüngst bei der Verhüllung des Berliner Reichstages vorlag.
 

Rotunde des Sedanpanoramas
Für die gewaltige Summe von 1 Million Goldmark wurde an der Panoramastraße auf der Westseite des neu geschaffenen Verkehrsknotenpunktes am Alexanderplatz mit Hilfe der Finanzierung einer belgischen Panoramaaktiengesellschaft ein Panorama zur Schlacht von Sedan realisiert, die als Mythos für die Gründung des Deutschen Reiches stilisiert wurde. Die renommierten Architekten Ende & Böckmann, ließen die als nationale Gedenkstätte monumentaler Art geplante und in splendid isolation errichteten Rotunde9 mit einer repräsentativen und kostspieligen Außenhaut dekorierten: sgraffitoartige Malereien von E. Ewald, eine Schrifttafel mit Wortpassagen aus der Proklamation Wilhelms I. vom 25. 7. 1870 und einen über französischen Fahnen aufgebrachten preußischen Adler auf Goldgrund. Über ein Zwischengeschoß, in dem zwei Reliefkarten des Schlachtfeldes studiert werden konnten, gelangte man über eine kurze Rampe und wenige Stufen in das obere Stockwerk, in welchem sich das Rundgemälde befand.
 

Das Panoramabild

Mit einer nahezu photorealistischen Darstellung reicher Detailfülle thematisierte das Panorama die Situation auf dem Schlachtfeld bei Sedan am 1. September 1870 gegen 13.30 Uhr. Von der Betrachterplattform aus, die einen Durchmesser von insgesamt 11 m besaß und der Lage eines Plateaus in der Nähe des Dorfes Floing entsprach, sah sich der Betrachter vollkommen vom Schlachtfeld umfasst. Im Bildvordergrund, also in der unmittelbaren Nähe der Betrachter, fand der zur Legende stilisierte Zusammenstoß der Fußtruppen preußischer Jägerbataillone mit berittenen Regimentern der Chasseurs d´Afrique statt. Die französischen Reiter sollten die Umschließung der französischen Truppen, die sich seit dem Morgen entwickelt hatte, durchbrechen, um den Fluchtweg zu öffnen.
 

Nach der blutigen Schlacht bei Beaumont am 30. August 1870 sammelten sich die französischen Truppen bei der Festung Sedan. Die Strategie von Moltke zielte darauf, die französischen Armeen einzukesseln. Der einzig den Franzosen verbleibende Ausweg nach Mézières war zunächst am Morgen des 1. September Ziel der deutschen Angriffe. Nach dem Wechsel des französischen Oberbefehls an General von Wimpffen versuchte die französische Seite, die deutschen Linien nach Osten zu durchbrechen. Als seitens des deutschen Generalstabes erkannt wurde, daß Wimpffen nicht in Richtung Mézières zog, fiel man den Franzosen in den Rücken. Die französischen Versuche, durch Reiterangriffe den sich schließenden Kessel zu durchbrechen, sind Thema des Panoramas. Auf deutscher Seite verloren 9000 Soldaten ihr Leben, 17.000 Tote und Verletzte zählten die Franzosen nach der Schlacht.
 

Jäh findet der mit intensiver Energie durchgeführte Angriff der heranstürmenden Chasseurs im Kugelhagel der in dichten Reihen gestaffelten schlesischen Jäger sein Ende. Der lineare Dynamismus der auf effektvollen weißen Schimmeln angreifenden Kavallerie zersplittert in ein Chaos tödlich Getroffener ohne Blut und Wunden. Hier konzentriert sich das Geschehen des Bildes. Aufbäumend bricht ein Trompeter mit hochgerissenem Instrument in die Linie der Feuernden ein, andere Reiter folgen - ein Rausch der Form; unsichtbar der Tod. Gesichtslos ließ Werner die Franzosen als anonyme Masse wiedergeben, die Preußen hingegen wurden durch viele Porträts individualisiert. Im auffälligen Kontrast zur zerstobenen Formation der Franzosen reihte Werner die Deutschen jenseits einer dichten Wolke aus Schießpulverdampf diszipliniert auf - wie am Schießstand. Diese unterstanden dem Kommando von Hauptmann von Strantz, der mit gezogenem Säbel sein Bataillon hünenhaft um nahezu einen Kopf überragt. Wie eine Reihe anderer preußischer Offiziere war er porträtiert worden, um der Szenerie Gesicht und den Schein des Authentischen zu verleihen. Durch die kompositorische Exposition des Offiziers, der trotz Reiterangriff in "kaltblütiger Haltung" verharrt, wirkt dieser wie eine Personifikation des Wernerschen Credos: die Schilderung der Überlegenheit des preußischen Soldaten. Gerade darin lag die zentrale Aussage des Panoramas; der preußische Soldat sollte in seinen soldatischen Tugenden, in idealisierter Weise geschildert werden, gehorsam, überlegen, furchtlos, kaltblütig, diszipliniert, stark - "Tugenden", die immer wieder, bis in die Gegenwart, als deutsche bezeichnet wurden. Das Moment des Angriffs findet sich, wie Bordini anmerkt, nahezu ausschließlich auf Seiten der Franzosen, die preußischen Truppen, der eigentliche Aggressor, und mit ihnen die Betrachter rückten in die Position der Verteidiger.
 

Hinter den Chasseurs führt General Marquis de Gallifet, der als einziger Franzose im Portrait wiedergegeben ist, die Kürassierregimenter der Division Bonnemains heran. Bis ins Detail ist die Komplexität der Truppenteile und die Schlachtordnung der bewegten Massen obsessiv ins Bild gebracht worden. Während Teile des 80., 87. und 88. Regiments gegen Illy vorgehen, ist der Horizont hinter der Masse der französischen Kavallerie durch Pulverdampf und Rauchschwaden der Brände verhüllt. Im Süden, aus Sedan und der mit Wallanlagen befestigten Vorstadt Torcy, steigen dichte Rauchwolken empor und erschweren die Sicht auf die brennenden Dörfer Balan und Bazailles, letzteres war bereits am Morgen Schauplatz eines Massakers bayerischer Kompanien an Zivilisten gewesen.
 

In unmittelbarer Nähe des Betrachterstandpunktes fand der Nahkampf Mann gegen Mann auf der Hochebene statt. Der idealtypische, distanzierte, panoramatische Weitblick ist hier, wie in den allermeisten Schlachtenpanoramen, zu Gunsten frontaler Immersion in das Ornament des massenhaften Zusammenstoßes aufgehoben. Die weiten Prospekte, die sich gen Westen in die Ardennenlandschaft ergeben, stehen hierzu in dezidiertem Kontrast. Hinter dem Dorf Floing, gleich unterhalb des Betrachterstandpunktes, öffnet sich der Fernblick auf die im Dunst liegenden, sattgrünen kilometerweiten Maaswiesen. Im gleichmäßig hellen Licht des sonnig-diesigen Spätsommertages - in Wahrheit schien die Sonne an diesem Tag nicht - liegt die ruhige Landschaft mit dem Silber schimmernden Strom und formt einen auffälligen Kontrast zur Schlacht. Fast im Zentrum der weiten Talsenke erheben sich im Nordwesten bei Frénois zwei unbewaldete Höhen, die den gemalten Raum abschließen. Von dort aus verfolgen König Wilhelm I. mit seinem Gefolge und dem Generalstab auf dem südlicheren und der Kronprinz Friedrich auf dem benachbarten Hügel den Schlachtverlauf. Obwohl der Betrachter auf dem Rundbild den sich in etwa sechs Kilometer Entfernung aufhaltenden König nicht erkennen konnte, war das Faktum seiner Anwesenheit aus unzähligen Artikeln, Reproduktionen und einem Orientierungsplan bekannt.
 

Die technisch hochkomplexe und für die Zeit sehr moderne Panoramakonstruktion wartete mit zwei bemerkenswerten Neuerungen auf: Das ist die mit einem 45 PS starken Wassermotor betriebene Rotation des 1,50m breiten, äußeren Kranzes der Betrachterplattform, auf dem die Besucher je nach Andrang in variablem Tempo in 15-40 Minuten am 115 Meter langen Rundgemälde und dem Faux Terrain, mit seinen Pappsoldaten vorüber transportiert wurden. In den Abendstunden wurde außerdem eine künstliche Beleuchtung mit Bogenlicht der Firma Siemens & Halske eingesetzt, die den Besuch der im Winter beheizten Räume bis 23 Uhr ermöglichte und das Licht überdies so geschickt abdämpfte, dass die Farben auch nachts ihren Effekt zur vollen Wirkung bringen konnten.
 

Zusätzlich zum Panorama befanden sich in der Rotunde drei von der Rückseite beleuchtete Transparentbilder, Dioramen, die im Gegensatz zum Panorama - das dem einfachen Soldaten gewidmet war - die militärische Führung, Wilhelm, Moltke und Bismarck, ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückten. Als typische Feldherrnbilder ergänzten sie die Repräsentation des, wie Werner sich ausdrückte, "weltgeschichtlichen Ereignisses" und vervollständigten die Programmatik des politischen Raumes Panorama.
 

Anton von Werner. Fotografie von Reichard und Lindner
Der verantwortlich zeichnende Maler, Anton von Werner, war beileibe kein unbeschriebenes Blatt, im Gegenteil dominierte er die kulturpolitische Landschaft des neu gegründeten Deutschen Reiches. In Dutzenden von Großdarstellungen und Porträts hatte er nach 1870 vorzugsweise die zeitgeschichtlichen Ereignisse des Staates begleitet, darunter viele Auftragsarbeiten der Kaiser
 

Aus dramaturgischer Sicht erschien der legendäre, immer wieder geschilderte Kavallerieangriff der eingekesselten französischen Truppen unter General Gallifet am besten geeignet, die Preußen in Szene zu setzen - ohne Zweifel, für jene das für spektakulärste und ruhmreichste Motiv. Unter militärischen Gesichtspunkten bedeutete Gallifets Scheitern die Niederlage der französischen Truppen, denen in aussichtsloser Lage nur noch die Kapitulation blieb.
 

Die maßgebliche offizielle Grundlage, auf die Werner seinen Anspruch einer wahren Darstellung der Kampfhandlungen stützte, fand er in den Angaben des Generalstabswerkes, das in einem Zeitraum von sieben Jahren von der Kriegsgeschichtlichen Abteilung des Großen Generalstabes angefertigt worden war.
 

Das Sedan Bild wurde zweifach inszeniert: Bis zum Eröffnungstag streng vor der Öffentlichkeit abgeschirmt - "verhüllt" -, wurde es nach der feierlichen Erstbesichtigung durch die höchsten Würdenträger des Reiches offiziell zur Institution wahrheitsgemäßer Reproduktion des geschichtlichen Ereignis erhoben. Anschließend erst wurde es der Allgemeinheit zugänglich gemacht, die nunmehr mit der gebotenen Ehrfurcht in diesen politischen Raum eintreten durfte.

Quelle: Oliver Grau - www2.hu-berlin.de/grau/Textsedan.htm